07 May 2026, 12:37

Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Von Pogromen bis zur DDR-Verdrängung

Plakat mit schwarzem Hintergrund, das den Text "Baut das jüdische Heimatland jetzt - Fonds zur Wiederherstellung Palästinas" zeigt, zusammen mit Bildern von Gebäuden, Hügeln und einem Sternsymbol.

Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Von Pogromen bis zur DDR-Verdrängung

Halberstadts jüdische Geschichte reicht von einer einst blühenden neo-orthodoxen Gemeinde bis zu ihrer fast vollständigen Auslöschung unter der NS-Herrschaft. Die radikale Veränderung der Stadt begann mit der Zerstörung ihrer Synagoge 1938, gefolgt von der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung bis 1942. Jahrzehnte später bleibt das Erbe dieser Zeit umstritten – von Gedenkstätten, die über Massengräbern errichtet wurden, bis hin zu wiederaufflammendem Antisemitismus in modernen Immobiliengeschäften.

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Die Gewalt gegen Halberstadts Juden begann am 9. November 1938, als die Synagoge der Stadt während der von den Nationalsozialisten organisierten Pogrome demoliert wurde. In den folgenden vier Jahren wurde die Gemeinde – einst ein zentrales Zentrum des neo-orthodoxen Judentums – systematisch deportiert und ermordet. Bis 1942 lebten kaum noch jüdische Einwohner in der Stadt.

1949 entstand am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge, unweit von Halberstadt, eine Gedenkstätte für die Opfer von Zwangsarbeit. Doch ihr Charakter änderte sich zwei Jahrzehnte später grundlegend: 1969 wurde die Anlage als Versammlungsort für sozialistische Treuegelöbnisse umgestaltet – direkt über den Gräbern der Häftlinge. Im selben Jahr veröffentlichte die DDR Romane der Holocaust-Überlebenden Peter Edel und Jurek Becker, seltene literarische Zeugnisse der Verfolgung in einem Staat, der solche Erzählungen sonst oft unterdrückte.

Hinter den Kulissen war das Verhältnis der DDR zur jüdischen Geschichte von Widersprüchen geprägt. Die niederländische Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende Lin Jaldati zog 1952 nach Ost-Berlin und nahm dort drei Langspielplatten auf. Doch nach dem Sechstagekrieg 1967 wurden ihre Lieder aus dem Programm gestrichen, als die DDR die Beziehungen zu Israel abbrach. 1961 war Willy Calm der letzte noch lebende Jude Halberstadts – eine weitgehend symbolische, aber offizielle Ansprechperson für eine Gemeinde, die nicht mehr existierte.

In den 1970er-Jahren erhielt das Tunnelsystem des ehemaligen Lagers eine neue Funktion: Es wurde als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee umgenutzt. Philipp Grafs Buch Verweigerte Erinnerung (2023) untersuchte später, wie die antifaschistische Rhetorik der DDR das jüdische Erbe Halberstadts ignorierte. Selbst in jüngster Zeit tauchte Antisemitismus wieder auf: Der Verkauf des Einkaufszentrums Rathauspassagen 2018 löste hinter vorgehaltener Hand Vorwürfe eines „Verkaufs an die Juden“ aus, nachdem jüdische Eigentümer die Immobilie übernahmen.

Heute ist Halberstadts jüdische Geschichte von Abwesenheit geprägt – zerstörten Gebäuden, zum Schweigen gebrachten Stimmen und Gedenkstätten, die mit politischer Symbolik überlagert sind. Die Vergangenheit der Stadt, von den Pogromen 1938 bis zur widersprüchlichen Erinnerungskultur der DDR, wirkt bis in die Gegenwart nach. Aktuelle Vorfälle zeigen, wie tief verwurzelte Vorurteile fortbestehen, während Historiker weiterhin aufspüren, was verloren ging.

Quelle